„Kapitalanlage im Wrangelkiez“

Ich habe vorhin mal wieder die Immobilienpreise für 10961 beim Online-Marktführer abgerufen. Ich stieß auf ein Angebot, das mich irgendwie erschaudern ließ. 211.000 Euro für 114 Quadratmeter direkt im Wrangelkiez (1. Etage) ist nicht wirklich viel – aber beim zweiten Nachdenken doch ein Hammer. Der Kiez, der einst so verkommen und von allen aufgegeben wurde, ist nun Renditeecke. So stark ist der Umbruch, dass selbst aus schwierigen Ecken inzwischen hippe „Kapitalanlage“ werden. Entweder steht Berlin wirklich an der Schwelle zu ParisLondonMailandWhow oder aber die Euro-Krise führt dazu, dass selbst diese Gegend zum Fluchtobjekt aller Kapitalanleger wird.

Also, den Wrangelkiez kennt meine Familie ja nun seit 120 Jahren, seit drei Generationen. Es gab extreme Auf und Abs (dazu in der nächsten Zeit mehr). Legendär sind die Familiengeschichten nach dem Krieg, den 70er Jahren mit den Kahlschlagsanierungen, den wirklich trostlosen 80er bis in die frühen 90er Jahren. Das Zerbrechen des Kiezes wegen eines planlosen Zu- und Wegzugs, liebloser Sanierungsmaßnahmen und hilfloser Quartiersmanagementpläne. Nun, seit wenigen Jahren ist der Kiez ja das Hippste, was janz Kreuzberg zu bieten hat – dagegen kann ja mein heimischer Bergmannkiez nur abstinken. Ich den 80er Jahren hieß es bei jeder Geburtstagsfeier in der Familie: und, wann zieht ihr auch endlich weg? Heute kann heißt es: und, wie lange dürft ihr hier noch wohnen?

Und da sind wir auch an dem Punkt: denkt hier auch noch irgendeiner an die Bewohner, an die typische Zusammensetzung eines Kiezes, also gerade das, was Berlin mit seinen vielen Stadteilen so auszeichnet? Ich glaube kaum – lieber zofft sich die Politik über sinnlose Autobahnbauprojekte. Ist ja auch einfacher zu vermitteln als den Stammwählen zu erklären, dass skandinavische Pensionsfonds ihre Milliarden in billige deutsche Renditeobjekte pumpen. Ich habe daher nicht schlecht gestaunt als neulich am Kottbusser Tor eine vielleicht 25 Jahre alte Frau samt ihres sehr schicken Gatten mit einem echten (!) Pelz in die U8 einstieg. Das war keine Show oder so, um mal zu gucken wie die Altlinken oder Ökos reagieren, sondern das war ganz einfach ihr Stil.

Berlin ist nicht, hieß es mal, sondern dazu verdammt, immerzu zu werden. Das ist ok – eine Stadt muss leben, darf und kann ja auch gar nicht stehenbleiben. Aber eine vernünftige Stadtpolitik muss auch darauf achten, dass Stadtteile nicht kippen. Leider ich habe da wenig Hoffnung, denn letztlich bereinigt der Markt jetzt das, was wir in den 80er Jahren nicht mochten…

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