Dezember 1913 – 40 – 50 Centimeter Schnee

Tagebucheintrag des Kreuzberger Kneipiers Ludwig Kleeblatt

„Bis zum 18. hatten wir alle Tage Regenwetter. Am 14. hatten wir ein großes Gewitter mit Blitzen und Donner wie im Sommer. Und einen große Gewitterregen. Am 19. hatten wir Frost. 1 Grad. Am 20. zwei Grad Frost. Bis 27. 5 Grad wärmer. Bis 29. Regenwetter, Stürme und dan ein Grad kälter. Und dann ein großer Schneefall. Der hilt 24 Stunden an. 40 – 50 Centmieter Schnee. Ganz Berlin lag Still. Es kont kein Fuhrwerk, keine Elektrische und Hochbahn fahrn. Und die Autos bleiben stecken. Die Räder drehten sich auf der Stelle. Aber weiter nichts. Das warn schlimme Tage. Das Fuhrwerk kostete vil Geld.

Das Geschäft ging Mittelmäßig. Wiewohl die Arbeitsgelegenheit immer schlechter wurdn. Wir waren alle Gesund und Munter. Ich war am schlimmsten daran. Ich musste für alles aufkommen. Frü da der erst, abends der letzte. Überhaubt sonnabs früh 6 Uhr aufstehn. Kaffe kochen, Stullen [..] belegen. Und Kinder wecken, dass keiner zu spät komt. Und dann bis Sontag morgen das warn dann 24 Stunden. Und es ging ganz gut.

Und so verging Tag für Tag. Und es kam Weinachten heran. Einen Sontag war ich mit die Kinder nach dem Weihnachtsmarkt und große Einkäufe zu machen. Alles zu Fuß gelaufen bis zu [?Heilig], Große Hamburgische. Bloß wegen Soldaten und Kamingeschütze. Die Kinder wollten Soldaten haben und dan  gings abends zu Hauße Mit der Bahn.

Nun kam das libe Weinachtsfest heran. Es war dismahl traurige Weinachten, den einer fehlte. Und das war Mutter. Die Hauptpersohn. Es war kein freudiges Weinachtsfest. Die Kinder habe ich alle mit purem Geld beschenkt. Von 5 Mark bis 20 Mark. Und dan brante der Weihnachtsbaum und das war alles. Und dan war die Freude vorbei und das alles, weil Mutter fehlte.

Und mittelreweihl kam Neujahr. Da gings lustig zu. Die ganz Nacht hindurch bis frü morgens und wir waren so einigermaßen vergnügt. Tante Kautz mit Erna war da. Und die mußt frü weg, weil die mußte Früstück und Backwaren austragen für ein Bäckergeschäft und dann war schluß mit 1913. Es war wirklich ein trauriges Jahr.“

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