Berliner Telefonbücher

Über einen Kommentar zu einem anderen Artikel (Niagarafälle vom Viktoriapark) erfuhr ich von der Digitalisierung der alten Berliner Telefon-und Adressbücher durch die Berliner Landesbibliothek. Was lag da näher, als zu gucken, wer von den ‘alten’ Kleeblättern da bereits aufgelistet ist. Und siehe da, ich wurde im Telefonbuch von 1936 fündig, mein Opa Paul steht da mit seinem Beruf, noch wohnen in der alten Adresse Taborstraße 22.

Auszug aus dem Telefonbuch von 1936

Auszug aus dem Telefonbuch von 1936

 

Veröffentlicht unter Paul Kleeblatt | 2 Kommentare

“Kapitalanlage im Wrangelkiez”

Ich habe vorhin mal wieder die Immobilienpreise für 10961 beim Online-Marktführer abgerufen. Ich stieß auf ein Angebot, das mich irgendwie erschaudern ließ. 211.000 Euro für 114 Quadratmeter direkt im Wrangelkiez (1. Etage) ist nicht wirklich viel – aber beim zweiten Nachdenken doch ein Hammer. Der Kiez, der einst so verkommen und von allen aufgegeben wurde, ist nun Renditeecke. So stark ist der Umbruch, dass selbst aus schwierigen Ecken inzwischen hippe “Kapitalanlage” werden. Entweder steht Berlin wirklich an der Schwelle zu ParisLondonMailandWhow oder aber die Euro-Krise führt dazu, dass selbst diese Gegend zum Fluchtobjekt aller Kapitalanleger wird.

Also, den Wrangelkiez kennt meine Familie ja nun seit 120 Jahren, seit drei Generationen. Es gab extreme Auf und Abs (dazu in der nächsten Zeit mehr). Legendär sind die Familiengeschichten nach dem Krieg, den 70er Jahren mit den Kahlschlagsanierungen, den wirklich trostlosen 80er bis in die frühen 90er Jahren. Das Zerbrechen des Kiezes wegen eines planlosen Zu- und Wegzugs, liebloser Sanierungsmaßnahmen und hilfloser Quartiersmanagementpläne. Nun, seit wenigen Jahren ist der Kiez ja das Hippste, was janz Kreuzberg zu bieten hat – dagegen kann ja mein heimischer Bergmannkiez nur abstinken. Ich den 80er Jahren hieß es bei jeder Geburtstagsfeier in der Familie: und, wann zieht ihr auch endlich weg? Heute kann heißt es: und, wie lange dürft ihr hier noch wohnen?

Und da sind wir auch an dem Punkt: denkt hier auch noch irgendeiner an die Bewohner, an die typische Zusammensetzung eines Kiezes, also gerade das, was Berlin mit seinen vielen Stadteilen so auszeichnet? Ich glaube kaum – lieber zofft sich die Politik über sinnlose Autobahnbauprojekte. Ist ja auch einfacher zu vermitteln als den Stammwählen zu erklären, dass skandinavische Pensionsfonds ihre Milliarden in billige deutsche Renditeobjekte pumpen. Ich habe daher nicht schlecht gestaunt als neulich am Kottbusser Tor eine vielleicht 25 Jahre alte Frau samt ihres sehr schicken Gatten mit einem echten (!) Pelz in die U8 einstieg. Das war keine Show oder so, um mal zu gucken wie die Altlinken oder Ökos reagieren, sondern das war ganz einfach ihr Stil.

Berlin ist nicht, hieß es mal, sondern dazu verdammt, immerzu zu werden. Das ist ok – eine Stadt muss leben, darf und kann ja auch gar nicht stehenbleiben. Aber eine vernünftige Stadtpolitik muss auch darauf achten, dass Stadtteile nicht kippen. Leider ich habe da wenig Hoffnung, denn letztlich bereinigt der Markt jetzt das, was wir in den 80er Jahren nicht mochten…

Veröffentlicht unter Allgemein, Berlin | Hinterlasse einen Kommentar

Mauerbau 1961

Mein Großvater, Paul Kleeblatt, wurde 1906 in Berlin geboren. Er war eines der zahlreichen Kinder des Kneipiers Ludwig Kleeblatt, über den ich hier im Blog berichte und den ich über seine Tagebücher sprechen lasse. Mein Opa nun lebte Zeit seines Lebens in Kreuzberg, in eben jenem Haus, in dem noch heute engste Verwandtschaft von mir wohnt. Opa Paul war Metalldrücker, hat die Stadt Berlin in seinem ganzen Leben nie groß verlassen. Aus den Tagebüchern geht hervor, wie sehr er uns seine Familie immer wieder nach Treptow zogen, zur Freizeit, zum Einkauf – daher er den Mauerbau als besonders schmerzlich, schließlich schnitt der die Anwohner von SO36 von den Freizeitgebieten in Treptow kurzerhand ab.

Paul Kleeblatt auf einem Podest an der Spree

Paul Kleeblatt auf einem Podest an der Spree

In den Fotoalben meiner Familie fand ich nun Bilder aus der Zeit nach dem Mauerbau 1961, die meinen Großvater beim Spaziergang an der noch zerstörten Oberbaumbrücke zeigen (das ist der Mann im Mantel mit dem Hut).Die Bilderserie zeigt eine Reihe von Aufnahme von Mauer, Beton und Sperrwall. Mitunter sind auch Hausruinen noch zu sehen, wobei ich hier anmerken möchte, dass auf dem Wohngelände in der Wrangelstraße noch bis 1988 der im Krieg ausgebrannte Seitenflügel stand, zwar zugemauert – aber für uns Kinder damals doch sehr beeindruckend.Hier nun weitere Bilder von der noch kriegszerstörten Oberbaumbrücke:

Oberbaumbrücke 60er Jahre

Oberbaumbrücke 60er Jahre

 

 

 

 

 

 

Am 13. August 2011 soll es übrigens in Berlin um 12 Uhr eine dreiminütige Schweigeminute anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus geben – die BVG wird dann beispielsweise auf allen Linien der U-Bahn und Busse den Verkehr anhalten.

Gedenkstein für Mauertote, ca. 1968

Gedenkstein für Mauertote, ca. 1968

Veröffentlicht unter Berlin, Kleeblatts heute, Paul Kleeblatt | Hinterlasse einen Kommentar

2. Juli 1900 – Tagebucheintrag Ludwig Kleeblatt aus dem Wrangelkiez

1.Juli 1900

Aufwachen. Hunger. Durst. Mittags mit Vater essen. Auf dem Damm ein Ei legen.

Veröffentlicht unter 1900 | 2 Kommentare

in eigener Sache

Ich bitte Leserinnen und Leser dieses Blogs um etwas Geduld. Nicht nur, dass das Transkribieren der sehr unleserlich geschriebenen Tagebücher ordentlich Zeit braucht, und nicht nur, dass ich hauptberuflich ganz woanders arbeite, sondern der Wrangelkiez und die Familie Kleeblatt sind nicht meine einzige Blog-Baustelle. D.h. wer sich jetzt gerade hier langweilt, kann, darf und soll ruhig auch mal in die anderen Blogs reingucken:

Da ist zum Beispiel der Blog, der meine Sammelleidenschaft zeigt, Fotografien des ausgehenden 19. Jahrunderts bis zum Aufkommen der privaten Fotografie der 1910er bis 1930er Jahre: http://fotobiographie.wordpress.com/

Dann ist da der Blog, der die Gesichter des 19. Jahrhunderts an das Tageslicht bzw. das Monitorlicht holen möchte. Es gibt hunderte Millionen Porträtaufnahmen aus dem 19. Jahrhundert – für Sammler aber haben sie indes keinen Wert, weil sie in der Regel nichts weiter über die Personen aussagen und für viele nur dann interessant werden, wenn (überwiegend) der Abgebildete einen Orden, Säbel oder Helm hat. Alle anderen Bilder werden auch wegen ihrer monotonen Aufnahmeperspektive nicht sonderlich gehandelt und sind tatsächlich nur Massenware (die, wie mir ein Berliner Trödler erzählte, gerne früher auch verheizt wurden…). Also, Fotos der Menschen des 19. Jahrhunderts – so wie sie vielleicht mein Urgroßvater abends täglich in der Kneipe hatte, gibt’s hier: http://gesichtergalerie.wordpress.com/.

Ebenfalls unterschätzt ist in diesem Zusammenhang, dass die Fotografen sehr schnell einen Markt aufrollten, der Siegeszug der Kabinettfotos und CDVs vollzig sich über den ganzen Erdball, war unmittelbarer Ausdruck der beginnenden Moderne, erschwinglich und schön, bedeutend für den Fotografierten wie für den Fotografen. Sehr bald wurde daher klar: die bis Ende der 1870er Jahre ungenutzte Rückseite eignet sich doch ideal für Werbung. Dieser Blog will diese Lücke nun schließen, indem sie nur die Rückseiten zeigt, die zum Teil sehr aufwendig und schön gestaltet wurden: http://rueckseiten.wordpress.com/

Na und dann gibt noch es den Blog über die Bergmannstraße und den Wrangelkiez, womit es dann aber auch mal gut ist…

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein | 2 Kommentare

1. Juli 1900 – Tagebucheintrag Ludwig Kleeblatt aus dem Wrangelkiez

1.Juli 1900

Aufwachen. Hunger. Durst. Mittags mit Vater essen. Auf dem Damm ein Ei gelegt.

Veröffentlicht unter 1900 | Hinterlasse einen Kommentar

30. Juni 1900 – Tagebucheintrag Ludwig Kleeblatt aus dem Wrangelkiez

30.6.1900

Kränklich. Husten. Alles vom Vater haben. Mit ihm [Willy] Eßen. Mittags mit ihm schlafen nur mit keinem andern. Spricht schon alles.

Veröffentlicht unter 1900 | Hinterlasse einen Kommentar